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Ein Tag im Leben von Javier Bardem

Ausgangslage

2012 kam mit “Skyfall” ein James Bond in die Kinos, in welchem der psychotische Superschurke Silva, gespielt von Javier Bardem, den Hauptdarsteller endlich beseitigen möchte. Besagter Silva stieg für die Promotour im Dolder Grand ab, um die Journalisten von der Qualität des Blockbusters zu überzeugen.

Die Vorgabe von Bardem’s Agentin für das Interview: Keine Fragen zu seiner schwangeren Frau Penélope Cruz und allgemein keine Fragen zu Javiers Privatleben.

Idee

Bei der Recherche stellte sich ziemlich bald heraus: Javier Bardem war vor seiner Schauspielkarriere ein erfolgreicher Rugbysportler und ein Tier auf dem Spielfeld. Mit dieser Passion brachte er es bis ins Spanische Nationalteam. Das schien der richtige Einstieg für ein ungezwungenes Gespräch zu sein. Wie sich später herausstellte, war es sogar der Touchdown.

Umsetzung

Javier Bardem, 43, spielt im neuen „James Bond“ den Bösen. Früher lieferte er sich auf spanischen Rugbyplätzen blutige Schlachten.

Von Mario Hipleh
(DAS MAGAZIN des Tagesanzeigers, 45/2012)

Wie es ein guter jüngerer Bruder tut, eiferte ich meinem älteren Bruder nach. Ich bewunderte Carlos. Er spielte Rugby, also tat ich es ihm gleich. Damals war ich neun, er vierzehn. Mein Umfeld schüttelte bloss den Kopf, wenn ich erzählte, was ich mache. In Spanien interessiert man sich für Fussball – ein Rugbyspieler ist hier so was wie ein Stierkämpfer in Japan. Innert kurzer Zeit wurde Rugby mein Leben. Ich rannte auf dem Platz herum wie ein Irrer, um am Abend erschöpft, mit dem Gefühl nach Hause zu kommen: „Ich habe alles gegeben.“

Ins Nationalteam aufgenommen zu werden war damals nicht wirklich schwierig. Es gab kaum Konkurrenz. Ich erinnere mich lebhaft an den Tag, als der Brief des spanischen Rugbyverbandes mit der Einladung in meinem Briefkasten lag. Als ich auf dem Umschlag den Stempel sah, wusste ich sofort, was das bedeutete. Dieser Tag war einer der wichtigsten meines Lebens. Es war fast zu gut, um wahr zu sein. Ich war sechzehn, und dieser Brief war der Beleg dafür, dass mein Traum, ein guter Rugbyspieler zu sein, wahr wurde. In dem Moment wurde mir auch bewusst, dass es sich bezahlt macht, wenn man nur hart genug an sich arbeitet. Dass es dann völlig egal ist, was die anderen denken – solange man bereit ist, für seine Ziele zu kämpfen. Den Brief habe ich bis heute aufbewahrt.

Meine Mutter hat mich immer ermutigt, das zu machen, woran ich glaube. Bis zu jenem Spiel, das erste nach acht Jahren, das sie besuchte. Es war nicht irgendein Spiel. Es war das Endspiel um die nationale Meisterschaft: mein Madrider Verein CR Liceo Francés gegen eine katalanische Mannschaft. Ich hatte ihr gesagt: „Mama, du musst kommen, vielleicht werden wir spanischer Meister!“

Sie kam mit meiner Schwester Mónica. Anfangs lief das Spiel für uns ganz gut. Wir lagen in Führung und waren siegessicher. Dann begann es stark zu regnen, und nach einer Weile war das Spielfeld nur noch Schlamm. Auf einmal kam es zu einer wüsten Schlägerei zwischen unseren Mannschaften. Alles war voller Blut. Die Spieler, auch ich, sogar der Boden waren voller Blut! Einem meiner Mitspieler hing die halbe Lippe schräg weggerissen über dem Kinn. Das war kein Spiel mehr, sondern eine brutale Schlacht. Aber Rugby ist nunmal ein ehrlicher Sport. Da wird wegen einer Schlägerei kein Spiel abgebrochen. Vielleicht wäre es besser gewesen. Denn plötzlich schien sich alles gegen uns verschworen zu haben, wir verloren den Match.
Nach dem Spiel kam meine Mama mit bleichem Gesicht zu mir und schrie mich an: „Javier, was zur Hölle war das?“ Ich sagte: „Mama, unglücklicherweise habe ich dich ausgerechnet zum schlimmsten Spiel meiner Karriere eingeladen. Normalerweise versuchen wir nicht, uns gegenseitig umzubringen.“

Damals verdiente ich mein Geld als Bauarbeiter und als Türsteher und Barmann in Madrid. Damals entdeckte ich auch gerade die Schauspielerei. Das lag auf der Hand, in meiner Familie sind alle irgendwie mit der Schauspielerei verbandelt. Dann mit 22 spielte ich in „Jamon Jamon“ meine erste Hauptrolle. Der Film schlug in Spanien ein wie eine Bombe; über Nacht war ich in meiner Heimat eine Berühmtheit. Das wirkte sich auch auf meine Rugbykarriere aus. Ich wurde auf dem Spielfeld zur Zielscheibe. Drei Jahre noch versuchte ich, Sport und Schauspielerei unter einen Hut zu bringen. Doch bei meinem letzten Spiel, mit 25, lag der Ball auf der anderen Seite des Feldes. Statt sich den Ball zu holen, rannten die gegnerischen Spieler in einem Mob auf mich zu. Sie wollten mich fertig machen, weil ich dieser Typ aus „Jamon Jamon“ war.

Nach dem Spiel sagte ich in der Kabine zu meinem Team: „Leute, ich muss euch verlassen. Es funktioniert nicht mehr. Ich brauche mein Gesicht für die Schauspielerei. Ich will von der Schauspielerei leben können, und das kann ich nicht, wenn ich es mir hier ständig einschlagen lasse.“ Und das war’s.
Mario Hipleh (Copyright: “Das Magazin”)

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Publisher:Das Magazin